Jean-Pierre Pothier – Alte Schule

Überraschung in den Weiten Brandenburgs
Restaurant-Tipp

von Nikolas Rechenberg

Gehobene Gourmet-Küche hat in unserem Nachbarland Brandenburg einen schweren Stand. Mit Ausnahme der Landeshauptstadt Potsdam hat gute Küche in der Umgebung Berlins fast schon Seltenheitswert. Oftmals entstehen zwar ganz unversehens Oasen des guten Geschmacks, die jedoch schneller wieder eingehen, als sie überhaupt in den Restaurantführern zu Ehren und damit auch zu mehr Kundschaft kommen können.

Offensichtlich ist in Ostdeutschland die Scheu vor Ungewöhnlichem, ebenso wie die Schwellenangst, noch größer als in Berlin. Umso erstaunlicher, dass sich die „Alte Schule“ in Reichenwalde seit Jahren hält, und das mit steigendem Erfolg. Natürlich braucht es einen der oben erwähnten Gastronomielotsen, um erst einmal hinzugelangen. Wer würde sonst auf die Idee kommen, dass in dem kleinen, aber gepflegten Ort die Schenke direkt an der Dorfkreuzung ein kulinarisches Geheimnis verbirgt?

Früher war der Gastraum tatsächlich einmal die alte Schule des Ortes. Das Klassenzimmer wurde liebevoll in eine freundliche Gaststube umgewandelt, helle Farben, schönes Holz, Stoffservietten, bereits auf den ersten Blick alles sehr einladend. Draußen vor dem Fenster schmeichelt eine weinumrankte Terrasse dem Auge, auf der es – jetzt im Sommer – gefühlvolle Sonnenuntergänge zu erleben gilt.

Die Karte ist witzig gestaltet, spielt mit den Erinnerungen an die Schulzeit. Das kleine Restaurant hat Charme. Und eine gute Küche.

Das fängt schon bei Kleinigkeiten an. Der Quark zum gereichten Brot ist selbst angesetzt, nicht aus dem Kühlregal. Der gebeizte Lachs mit rosa Pampelmusen- und grünen Apfelscheiben (8,50 Euro) ist optisch und aromatisch gelungen, bereits ein kleines Vergnügen vorab. Genauso wie auch der Grüne Spargel mit gebratenen Pfifferlingen (10,50 Euro), die herrlich im Sud mit dem Spargel harmonisieren.

Die Brandenburger Ente mit Aprikosen-Chicorée-Gemüse und einem herrlich leichten Petersilienauflauf (16,50 Euro) ist ein großer Genuss, die Ente perfekt auf dem Punkt, die Haut kross, da können sich einige bekannte Berliner „Entenbräter“ etwas abschauen. Die Aromen der Aprikosen harmonieren in graziler Perfektion – vom Riesling der Winzerin Sybille Kuntz wunderbar vollendet. Die Desserts kommen etwas einfacher, besonders in der Optik, aber die Crème brûlée mit Vanilleeis und marinierten Pfirsichscheiben ist einwandfrei. Die drei Gänge aus Lachs, Ente und Dessert werden als Menü für 29 Euro angeboten.

Koch Jean-Pierre Pothier schafft es auch mit seinen Klassikern, wie dem knusprigen Zander – fangfrisch aus dem nahen Scharmützelsee -, ein sehr gutes Niveau zu halten. Sein Lokal eine Entdeckung!

Die kleine Weinkarte enthält wunderbare und gastfreundlich kalkulierte offene Weine vor allem aus Deutschland, ein passender Tropfen findet sich garantiert. Und das ist für einen Brandenburger Gasthof schon außergewöhnlich.

-Alte Schule

Reichenwalde bei Bad Saarow, Tel: 033631/594 64, www.restaurant-alteschule.de

Öffnungszeiten: Di-Sa 11.30-14.30 Uhr und ab 18 Uhr, So durchgehend

Plätze: 30 Karten: keine

Fazit: Das „Restaurant für feine Landküche“ östlich Berlins ist seit fünf Jahren jeden Abstecher wert. Ideal zur Einkehr etwa bei einem Wochenendausflug zum nahe liegenden Scharmützelsee.

Autor Niko Rechenberg ist auch der Chef vom Wein-Blog:
www.wams.de/data/2006/08/20/1003700.html

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