700 deutsche Tourismus-Lehrlinge in Tirol und noch immer 120 Lehrstellen frei!

In Focus TV machte AK-Boss Dinkhauser Sonntagabend kein Geheimnis daraus, dass ihn der Ansturm tausender deutscher Arbeitnehmer auf Tirol nicht erfreut.
Der Feind des Tiroler Arbeitsmarktes komme nicht mehr aus dem Osten, „sondern aus dem Norden und sorgt für gewaltigen Verdrängungswettbewerb“, meinte Dinkhauser in einem Beitrag über deutsche Gastarbeiter. Aus der angespannten Situation am Arbeitsmarkt unserer nördlichen Nachbarn resultiere, „dass Deutsche in Tirol alles nehmen und die Hoteliers zu billigen und willigen Leuten kommen, was Einheimischen Jobs kostet“, präzisierte Dinkhauser dann in anderen Medien.

Merkwürdig, wie ein Arbeiterkämmerer die Fakten verzerren kann. Am Beispiel der Tourismuslehrlinge ist das leicht nach zu vollziehen. So gab es Ende Juni 2005 in Tirol 147 offene Lehrplätze im Tourismus, denen lediglich 27 Suchende gegenüber standen. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 700 deutsche Lehrlinge in Tirol in aufrechten Ausbildungsverhältnissen. Da noch von Lehrlingen zu sprechen, ist fast die Verwendung eines Fremdwortes – meint man im Österreichischen Gewerbeverein (ÖGV). „Azubi“, der bundesdeutsche Spitzname für Auszubildende wäre für einen Tiroler Lehrling eher angebracht.

Verdrängen – das sollte Dinkhauser bei Kenntnis physikalischer Grundsätze wissen – kann man nur, wo etwas ist. Wenn in Tirol also Ende Juni 2005 120 Lehrstellen frei waren – neuere Daten liegen uns nicht vor – dann haben die 700 deutschen Lehrlinge offenbar ein Vakuum von 120 freien Lehrstellen verdrängt.

Aber wie schrieb doch ein besorgter Vater erbost an den ÖGV, als dieser auf den Umstand der Tiroler Tourismus-„Leerstellen“ hinwies: „Haben sie sich schon einmal überlegt dass in Österreich 15-jährige eine Lehre beginnen und Jugendliche in diesem Alter eventuell noch nicht erwachsen sind und auch noch pädagogische Begleitung von Eltern brauchen? Aber es ist für einen 15-jährigen sicher ein Problem ein paar 100 km weg von seinem Elternhaus und seiner sozialen Umgebung zu sein und wie wir wissen dem „Goodwill“ seines Lehrherrn zur Gänze ausgesetzt zu sein.“

Also, Lehrherren (es können ja auch Lehrfrauen sein) müssen sich schon wie wahre Monster verhalten. Da fragt man sich ja, warum permanent in diesem Land von der Politik um Lehrstellen in Betrieben gebettelt wird? Und im Sinne des Binnenmarktes wundert man sich, dass man solche Lehrherrn-Monster auf die kleinen deutschen „Bauxerlnl loslassen darf – da gehört doch raschest eine EU-Richtlinie her!

Auch Fünfzehnjährige – so der ÖGV – können nur für ihre Zukunft lernen, wenn sie sich in ein neues soziales Milieu mit neuen Herausforderungen begeben. Auch Internatsschüler sind ja nicht gerade die Blödesten in diesem Land und auch nicht jene, die etwa ein Auslandsjahr während des Schulbetriebs einlegen. (Herwig Kainz)

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