High Line New York

Wo gibt’s denn so was: Ein Park auf Stelzen mitten im Hochhausgetümmel! In New York gibt’s das: die High Line. Auf einer ehemaligen Güterbahntrasse im Südwesten Manhattans, die 1980 stillgelegt wurde, entstand sozusagen im dritten Stock, in gut zehn Metern Höhe ein 2,3 km langer, schmaler Park mit Bäumen, Büschen und Blumen, mit Bienen, Vögeln und Käfern, mit Bänken und Liegen und mit einer Sicht auf die Stadt und den Hudson, auf Häuser, Menschen und Autos, die wirklich einmalig ist.

Die Geschichte der High Line beginnt 1832, als noch Pferde die Züge durch New Yorks Straßen zogen. Damals ließ man Schienen in der 10.,11. und 12. Avenue verlegen, um Waren quer durch Manhattan zur Südspitze zu bringen. Im Laufe der Jahre nahm der Verkehr so stark zu, dass Reiter, die West Side Cowboys, engagiert werden mussten, die mit roter Fahne oder nachts mit roter Laterne warnend vor den Zügen ritten. Trotzdem kam es immer wieder zu schweren Unfällen – die 10. Avenue wurde sogar „Death Avenue“ genannt -, und so beschloss man, ein Viadukt aus Stahlträgern zu bauen und die Züge darauf fahren zu lassen. 1934 wurde die High Line eingeweiht und diente 46 Jahre lang jeder Art von Waren als Transportweg. 1980 kam das Aus – angeblich wurden im letzten Güterzug Thanksgiving-Truthähne transportiert.

Bald waren findige Investoren und auch die Stadt der Meinung, die High Line müsse abgerissen werden, damit Platz für neue Apartmentblocks und Wolkenkratzer geschaffen werde. Dagegen protestierten die Anwohner, die die wuchernde Wildnis auf der High Line schnell als Kleinod erkannt hatten. Der Verein „Friends of the High Line“ wurde gegründet, sammelte Geld und prominente Unterstützung – zum Beispiel von den Schauspielern Edward Norton und Kevin Bacon und der Modedesignerin Diane von Fürstenberg – und erreichte, dass schließlich ein renommiertes Architektenbüro und der holländische Gartenbaumeister Piet Oudolf sich der High Line annahmen.

So kann man nun heute von der 30th Street in Chelsea neunzehn Blocks gen Süden bis in den Meatpacking District mal auf Steinfliesen, mal auf Holzbohlen wandeln. Vorbei geht es an spektakulärer Architektur wie etwa den „London Terrace Apartments“ (zwischen 23th und 24th Steet und 9. und 10. Avenue), einem gigantischen Apartmentblock von 1930 mit sagenhaften 1670 Wohnungen, die damals als die luxuriösesten der Welt galten. Oder am „HL23“ (High Line und 23th Street), dem Apartmenthaus des Architekten Neil Denari aus Los Angeles, das 2010 entstand. Es ist oben breiter und tiefer als unten, wächst also quasi über die High Line hinaus. Das erste Haus, das Frank Gehry in New York 2007 für den Medienmogul Barry Diller baute, steht an der 18th Street, das „IAC Building“ mit spektakulärer Glasfront. Und nicht zu vergessen „The Standard Hotel“ (zwischen 12th und 13th Street), das 2009 bewusst passend zur High Line entworfen wurde und von weitem wie ein gigantisches aufgeschlagenes Buch aussieht. Der Blick aus den 300 Räumen und von der Dachterrasse ist ziemlich grandios.

Aber ein Park wäre natürlich kein Park, gäbe es nicht auch jede Menge Pflanzen. Oudolf hat ganze Abschnitte mit unterschiedlichen Gräsern bepflanzt, die leise im Wind wispern. An anderen Stellen versperren mannshohe Bäume den Blick in private Fenster, oder Büsche blühen in allen Farben. Mal hängt ein würziger Duft über dem Weg, mal rankt Clematis eine Wand hinauf. Und überall Schmetterlinge und Bienen, kleine Singvögel und große Möwen. Jetzt haben Sie bestimmt gerade vergessen, dass wir mitten in Manhattan sind.

Zweimal sollte man die Highline bei jedem noch so kurzen New York-Trip bestimmt besuchen. Das zweite Mal muss abends sein, wenn die Skyline strahlt und die Freiheitsstatue in der Ferne in Licht getaucht ist. Die High Line selbst hat eine dezente Beleuchtung, gerade hell genug für einen sicheren Tritt, aber schön geheimnisvoll. Das ist mindestens so aufregend wie der obligate Gang über die Brooklyn Bridge.

Und wenn Sie dann so richtig glückselig in der Gansevoort Street die Treppe herunter steigen, dann sollten Sie sich ein Dinner im „Spice Market“ (403 w 13th Street) gönnen. New Yorks bekanntester Koch Jean-Georges Vongerichten serviert in sehenswertem Ambiente ein „Tasting Menu“. KuNo-KulturNotizen

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