Mahlzeit, Deutschland!

NDR, Dienstag, 24.11., 22:30 – 23:15 Uhr

Im dritten Teil ‚Vom Saumagen zu Sushi‘ dieser Sendereihe steht der Wandel im Mittelpunkt: wie exotische Zutaten zu alltäglichen Lebensmitteln werden, wie Lebensmittelskandale den Bio-Boom einläuten, wie der Fall der Mauer zwei kulinarische Welten durcheinander würfelt – und wie trotz all der neuen Möglichkeiten die meisten Deutschen immer weniger kochen wollen.

Am Anfang steht der Saumagen. Als Helmut Kohl 1982 Bundeskanzler wird, sind die Flower-Power-Jahre endgültig vorbei. Die Werte der Provinz haben wieder einen Repräsentanten an vorderster Front – und der bewirtet seine Staatsgäste mit dem pfälzischen Nationalgericht. Doch in deutschen Familien werden Sauerbraten und Kohlroulade nicht mehr selbst gekocht, sondern nur noch aufgewärmt. Zum Beispiel zu Hause bei ‚Tagesschau‘-Sprecherin Judith Rakers: ‚Bei uns kam einmal pro Woche der Lieferant einer Fertiggerichtfirma und hat die Tiefkühltruhe voll gemacht.‘

Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 macht sich die Mehrheit der Deutschen zum ersten Mal ernsthaft Gedanken darüber, was da eigentlich auf ihren Tellern liegt. Kabarettistin Maren Kroymann erinnert sich an ihre ersten Einkäufe im Bioladen: ‚Die Äpfel sahen gar nicht so richtig lecker aus. Da wurde immer tapfer gesagt, ja, nur wenn die so aussehen, schmecken die richtig gut. Das hatte mehr mit politischem Bewusstsein zu tun als wirklich mit gastronomischem Bewusstsein.‘

Es ist die Sehnsucht nach Freiheit, aber auch die schlechte Versorgungslage im Osten, die die Bürger der DDR im Sommer 1989 scharenweise in den Westen treibt. Als Außenminister Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der Prager Botschaft verkündet, dass die Flüchtlinge dort in den Westen ausreisen dürfen, freuen die sich auch auf Jacobs Krönung und Fruchtzwerge – jenen Überfluss, den sie Abend für Abend im Westfernsehen heimlich bestaunen konnten. Viele investieren ihr erstes Westgeld in Bananen oder Kiwis.

Der wichtigste Food-Trend im wiedervereinten Deutschland ist die Asienwelle. Der gute alte Chinese wird verdrängt von Tandoori-Häusern, Thai-Restaurants und vietnamesischen Garküchen. Sushi-Bars erobern die Großstädte. Schauspielerin Gerit Kling war zunächst skeptisch: ‚Ich fand das am Anfang gewöhnungsbedürftig. Ganz klar, weil das ist ja wieder etwas, was der Gaumen erst kennen lernen muss.‘

1996 schlägt die Geburtsstunde der Kochshow: Talkmaster Alfred Biolek lädt Prominente in seine Küche und lässt sie ihr bestes Rezept vorkochen. Hier geht es nur noch am Rande um Tipps für die Nachahmer zu Hause. In erster Linie soll der Zuschauer mit Schaukochen unterhalten werden. Und so lösen die zahllosen kulinarischen Programme auch keine neue Kochwelle aus: die meisten Zuschauer solcher Sendungen geben an, selbst eher wenig zu kochen.

Um die Jahrtausendwende ist die Revolution in Deutschlands Küchen vollendet: viele Deutsche haben Kartoffelbrei noch nie selbst gemacht. Wenn es Nudeln gibt, dann mit Fertigsoße aus dem Glas, Gulasch wird lecker dank Würzmischung aus der Tüte. Gemüse ist mundgerecht geschnipselt und tiefgefroren. Doch im Ruhrpott glühen am Wochenende immer noch die Holzkohlegrills und von Flensburg bis Konstanz versammeln sich an Festtagen Familien um den Tisch, um Mutters Braten zu vertilgen – weil manche Rituale einfach nicht totzukriegen sind.

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