Kulturelle Fettnäpfchen im Ausland

Weiße Tennissocken in Trekking-Sandalen, Brustbeutel, Bauchtaschen, um den Hals baumelnde Kameras und ein stetig wandernder Blick auf der Suche nach Orientierung und Sehenswertem – es gibt eine Reihe von Merkmalen, die den typischen Touristen auf den ersten Blick als solchen entlarven. Doch auch wer nicht diesem oft skizzierten Stereotypen entspricht und sich nicht auf Anhieb als Tourist zu erkennen gibt, kann im Ausland in so manches Fettnäpfchen treten, das ihm letztendlich doch den Stempel „Tourist“ einbringt. Schuld sind ein paar kulturelle Eigenheiten, die man oft erst dann kennen lernt, wenn man Land und Leute im Alltag erlebt.

Kein Cappuccino nach zwölf in Italien
Latte Macchiato, Espresso und Cappuccino sind auch in Deutschland längst keine Fremdwörter mehr: Die italienische Kaffeekultur hat sich bereits ihren Weg gen Norden gebahnt und ist auch aus deutschen Cafés kaum mehr wegzudenken. Doch wer meint, dadurch bereits die beste Schule durchlaufen zu haben, um auch in Italien als erfahrener Kaffeeliebhaber zu glänzen, der irrt. Während man hierzulande zu jeder Tages- und Nachtzeit Latte Macchiato und Cappuccino trinken kann, ist der Genuss von Milchkaffeegetränken nach zwölf Uhr mittags in Italien tabu. Grund dafür ist die weit verbreitete Ansicht, dass Kaffeegetränke mit Milch wegen des starken Sättigungseffekts bereits eine volle Mahlzeit darstellen. Espresso hingegen ist zu jeder Tageszeit sehr beliebt und am Morgen kann man in Ruhe seinen Cappuccino genießen, ohne dabei schräge Blicke zu kassieren. Wer es noch ein bisschen authentischer will und noch dazu ein wenig Geld sparen möchte, der trinkt seinen Kaffee – wie die meisten Italiener – im Stehen an der Bar. Kaffeekränzchen im Sitzen, oft in der Nähe beliebter Sehenswürdigkeiten, deuten meist auf eine Ansammlung von Touristen hin. Dieser Fauxpas wird oft mit einer saftigen Rechnung bestraft.

Essenszeit in Spanien
In Spanien wird das Abendessen regelrecht als soziales Ereignis zelebriert: Die Familie kommt zusammen oder man trifft sich mit Freunden, um in geselliger Runde zu essen. Ein typisch spanisches Abendessen kann sich oft über Stunden hinziehen und beginnt erst spät am Abend: Vor neun Uhr sieht man keine Einheimischen, sondern ausschließlich hungrige Touristen im Restaurant. Wen vor neun schon der Hunger plagt, muss damit rechnen, direkt als Tourist abgestempelt zu werden. Wenn der Kellner gleich mit der deutschen Speisekarte anrückt, kann man davon ausgehen, das Klischee des Touristen perfekt bedient zu haben. Um dem entgegenzuwirken, hilft es oftmals schon, sich am Tagesrhythmus der Einheimischen zu orientieren und alles etwas gemütlicher angehen zu lassen.

Keine Weißwurst nach zwölf in Bayern
Bayern ist für den Rest Deutschlands auch irgendwie Ausland. Südlich des so genannten Weißwurstäquators werden Traditionen gepflegt, die im Rest des Landes auf Unverständnis stoßen und vor Ort das „Mia san mia“-Gefühl stärken. Auch die Vorliebe der Bayern für deftiges Essen ist allseits bekannt. Ob Haxn, Hendl oder Weißwurst – als Tourist kann man sich vor Ort durch sämtliche Spezialitäten futtern, ohne gleich als Nicht-Bayer entlarvt zu werden. Vorsicht ist lediglich bei der Weißwurst geboten: Die kommt bei den Einwohnern des Freistaats nach zwölf Uhr mittags nicht mehr auf den Tisch. Diese Regel stammt vermutlich aus einer Zeit, in der die leicht verderbliche Speise noch nicht gekühlt werden konnte und daher so schnell wie möglich verzehrt werden musste. Auch die Verzehrweise ist eine Kunst für sich: Die Brühwürste, die meist in Gesellschaft von süßem Senf, Brezn und Weißbier zu finden sind, müssen zunächst mit Messer und Gabel vom Darm befreit werden. Fortgeschrittene Weißwurstgenießer beherrschen die Kunst des „Zuzelns“, wobei das Fleisch mit Mund und Zähnen aus dem Darm herausgesaugt wird.

Regenschirme in Japan
Wer in Japan mit einem tropfenden Regenschirm durchs Kaufhaus rennt, riskiert gleich zweierlei Ausrutscher. Wenn ihn nicht der nasse Boden zu Fall bringt, wird er doch prompt für seinen kulturellen Fauxpas bestraft und als Tourist abgestempelt, denn in japanischen Kaufhäusern gibt es eine wichtige Regel: Bei Regen darf der tropfnasse Schirm nicht schutzlos mit ins Kaufhaus genommen werden. Statt des guten alten Schirmständers, der in Japan wahrscheinlich ein großes Schirmchaos auslösen würde, stehen hier am Eingang Angestellte bereit, die Hüllen für die nassen Regenschirme verteilen. So kann man auch als Tourist in Japan in ein trockenes Shoppingvergnügen starten.

Argentinischer Busverkehr
Öffentliche Verkehrsmittel sind meist die beste Lösung, um vor Ort von A nach B zu gelangen und noch dazu den Alltag der Einheimischen kennen zu lernen. Wer in Argentinien vom Fleck kommen möchte, sollte vorher ein paar auffällige Winktechniken einstudieren. Die bloße Präsenz an einer offiziellen Bushaltestelle bewegt argentinische Busfahrer noch lange nicht zum Anhalten. Als Reisender mit öffentlichen Verkehrsmitteln muss man dem Busfahrer früh genug durch ausschweifende Bewegungen Interesse signalisieren, bei ihm einzusteigen. Wer dann auch noch das passende Wechselgeld parat hat, um sein Ticket zu bezahlen, kann sein Ziel erreichen, ohne als Tourist aufzufallen.

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