Eine aktuelle eBioMedicine‑Studie aus der Lancet‑Familie zeigt: Entscheidend ist nicht nur, wie viele Kalorien wir essen, sondern vor allem, wann wir sie im Verhältnis zu unserer inneren Uhr zu uns nehmen. Wer den Großteil seiner Kalorien deutlich „zu spät“ isst, hat eine schlechtere Insulinsensitivität – selbst bei gleicher Kalorienmenge: Spät essen macht dicker!

Spät essen macht dicker
Spät essen und trotzdem gesund bleiben? Eine neue Studie zeigt, warum der Zeitpunkt der Mahlzeiten relativ zu deiner inneren Uhr über Insulinempfindlichkeit und Diabetesrisiko mitentscheidet .
Was die Forscher untersucht haben
Das internationale Team analysierte, wann Menschen ihre Mahlzeiten zu sich nehmen – nicht nur nach Uhrzeit, sondern relativ zu ihrem persönlichen Chronotyp, also der inneren Uhr. Zentral war der Zeitpunkt, zu dem im Tagesverlauf die Hälfte der täglichen Kalorien erreicht war, der sogenannte „circadian center of mass“ der Energieaufnahme.
Parallel wurden verschiedene Marker der Glukosehomöostase gemessen, darunter Insulinsensitivität (z.B. ISI Stumvoll, Matsuda‑Index), HOMA‑IR, Nüchterninsulin sowie BMI und Taillenumfang. So ließ sich direkt sehen, wie sich frühes oder spätes Essen relativ zur inneren Uhr auf den Stoffwechsel auswirkt.
Zentrale Ergebnisse in Klartext
Die Auswertung ergab ein klares Bild: Je später Menschen im Verhältnis zu ihrer inneren Uhr essen, desto schlechter reagiert ihr Körper auf Glukose.
- Ein später „Kalorien‑Mittelpunkt“ (spätes Erreichen der halben Tageskalorien) war mit niedrigerer Insulinsensitivität, höherem HOMA‑IR und höheren Nüchterninsulinwerten verbunden – auch nach Anpassung an Alter, Geschlecht, Schlafdauer und Gesamtenergiezufuhr.
- Späteres Essen ging außerdem mit höherem BMI und mehr Bauchfett einher, also mit typischen Merkmalen eines ungünstigen metabolischen Profils.
- Umgekehrt hatten Personen, die den Schwerpunkt der Kalorien früher im eigenen circadianen Tag setzten, eine bessere glykämische Kontrolle und günstigere Werte bei Insulinsensitivität und Körperzusammensetzung.
Die Autoren interpretieren das so: Essen „gegen“ die innere Uhr erhöht das Risiko für Insulinresistenz; eine Verlagerung des Kalorienschwerpunkts nach vorne im circadianen Tag könnte den Stoffwechsel verbessern.
Die Rolle von Genetik und Chronotyp
Spannend für alle, die sich als „Frühaufsteher“ oder „Nachteule“ sehen: Sowohl Essenszeitpunkte als auch Chronotyp zeigen eine deutliche Heritabilität – sie sind also teilweise genetisch mitbestimmt.
- Menschen mit spätem Chronotyp neigen dazu, ihre Kalorien auch später zu konsumieren – was in dieser Studie mit ungünstigeren Stoffwechselwerten zusammenhing.thelancet+1
- Alle Komponenten der Essenszeitung (erster Bissen, letzter Bissen, Kalorienmittelpunkt) standen in enger Beziehung zur individuellen Schlafzeit und waren zu einem erheblichen Teil vererbbar.
Damit wird deutlich: Es geht nicht einfach um „spät essen ist schlecht“, sondern um die Diskrepanz zwischen Essenszeit und eigener biologischer Uhr. Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt – interventionelle Studien zur gezielten Verschiebung der Essenszeiten stehen noch aus.
Was bedeutet das für Genießer und Fine Dining?
Für Gourmet‑Report‑Leserinnen und ‑Leser ist die gute Nachricht: Das späte Degustationsmenü ist nicht automatisch „giftig“ – aber Kontext und Rhythmus zählen.
- Wer eher ein früher Chronotyp ist, belastet seinen Stoffwechsel stärker, wenn große, kohlenhydratreiche Mahlzeiten regelmäßig sehr spät stattfinden.
- Wer von Natur aus „Nachteule“ ist, verträgt späteres Essen besser, sollte aber dennoch darauf achten, den Großteil der Kalorien nicht permanent in die ganz späten Stunden zu schieben.
Pragmatische Konsequenzen für den Alltag:
- Wichtige, große Mahlzeit(en) eher in die aktive Phase des eigenen Tages legen – also dorthin, wo man wach, geistig fit und körperlich aktiv ist.
- Abends gerne genießen, aber tendenziell leichter, mit moderatem Kohlenhydratanteil und vernünftigen Portionsgrößen; ein mehrgängiges Menü mit feinen Portionen ist metabolisch günstiger als eine riesige Pasta kurz vor Mitternacht.
Gastronomie‑Konzepte können das aufgreifen, etwa durch Early‑Dinner‑Menüs, durch sorgfältige Menüdramaturgie (energiereichere Gänge früher, leichtere später) und durch Kommunikation, die Genuss und Gesundheit verbindet.
Chrononutrition: Ein neues Spielfeld zwischen Küche und Medizin
Die Studie reiht sich in ein wachsendes Feld ein, das oft als Chrononutrition bezeichnet wird: Die Idee, Mahlzeiten zeitlich so zu legen, dass sie optimal zu innerer Uhr, Hormonen und Metabolismus passen.
Für Gourmets und Köche eröffnen sich damit spannende Perspektiven:
- Personalisierte Empfehlungen: Nicht nur „Was ist auf dem Teller?“, sondern auch „Wann ist dieser Teller ideal für dich?“ wird relevant.
- Feine Küche als Verbündeter: Hochwertige Produkte, durchdachte Menüfolgen und maßvolle Portionen lassen sich hervorragend mit einem metabolisch klugen Timing kombinieren – ohne asketischen Verzicht.
Die Forschenden schlagen vor, Essenszeiten künftig gezielt als Werkzeug einzusetzen, um Insulinsensitivität zu verbessern und das Risiko für Typ‑2‑Diabetes und Herz‑Kreislauf‑Erkrankungen zu senken. Für ein Genuss‑Publikum lautet die Essenz: Qualität, Menge und Timing entscheiden – wer alle drei Ebenen im Blick behält, kann große Küche genießen und gleichzeitig etwas für seinen Stoffwechsel tun.
Verweise
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- https://www.dzd-ev.de/en/article/time-restricted-eating-without-calorie-reduction-does-not-improve-metabolic-health-but-does-shift-the-bodys-internal-clocks
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- https://www.dzd-ev.de/en/article/impaired-glucose-metabolism-due-to-late-meals
- https://www.thelancet.com/journals/ebiom/article/PIIS2352-3964(24)00519-X/fulltext
Spät essen macht dicker
Zusammenfassung
Eine aktuelle eBioMedicine‑Studie aus der Lancet‑Familie zeigt: Entscheidend ist nicht nur, wie viele Kalorien wir essen, sondern vor allem, wann wir sie im Verhältnis zu unserer inneren Uhr zu uns nehmen. Wer den Großteil seiner Kalorien deutlich „zu spät“ isst, hat eine schlechtere Insulinsensitivität – selbst bei gleicher Kalorienmenge: Spät essen macht dicker!

