Fettsteuer hat auch Schattenseiten

Die Einführung einer Fettsteuer nach dänischem Vorbild hätte in Deutschland durchaus auch negative Auswirkungen. Darauf wies Privatdozentin Dr. Silke Thiele vom Institut für Ernährungswirtschaft und Verbrauchslehre an der Kieler Christian-Albrechts-Universität hin.

Seit dem 1. Oktober 2011 gilt in Dänemark die so genannte Fettsteuer, durch die sich die Politik eine Verbesserung der Essgewohnheiten verspricht. Lebensmittel, die als primäre Quellen von gesättigten Fettsäuren gelten, werden zusätzlich mit 16 Dänischen Kronen (ca. 2,15 Euro) pro Kilo gesättigte Fettsäuren besteuert.
Laut jüngster OECD-Statistik gelten 49,6 Prozent aller Deutschen als übergewichtig; insofern sei zu erwarten, dass auch hierzulande über eine entsprechende Steuer nachgedacht werde, erklärte Thiele in einem Vortrag im Rahmen der 62. Öffentlichen Hochschultagung.

Zur Reduzierung ernährungsbedingter Erkrankungen wie Herz-Kreislauferkrankungen habe die Politik bislang vor allem durch eine verbesserte Informationspolitik reagiert. Trotz dieser Anstrengungen sei die Zahl Übergewichtiger in den letzten Jahren stetig angestiegen. Das zeigt, dass die Vermittlung von Information allein nicht ausreicht, um dem Problem der ungünstigen Ernährungsgewohnheiten zu begegnen.

Auf Basis einer Haushaltsbefragung von 12.000 deutschen Haushalten wurde berechnet, welche Effekte die Einführung einer Fettsteuer in Deutschland gemäß dem dänischen Vorgehen hätte. So würde sich das beispielsweise bei dem Päckchen Butter in einer Preiserhöhung von etwa 30 Cent bemerkbar machen, ein halber Liter Sahne würde sich um etwa 20 Cent verteuern. Sicherlich würden Preiserhöhungen bei fetthaltigen Lebensmitteln zu einer geringfügigen Senkung der Energieaufnahme führen, so Thiele. Gleichzeitig werde es aber auch zu einer verringerten Aufnahme von Nährstoffen kommen, bei denen in Deutschland ohnehin bereits eine Unterversorgung vorliegt. Zudem äußerte die Ernährungsökonomin Bedenken um die einkommenspolitischen Konsequenzen. Die finanzielle Belastung träfe insbesondere ärmere Haushalte.

Zudem kritisierte Thiele eine Fettsteuer als nicht zielgerichtet und wies darauf hin, dass Fett nicht der einzige Grund für das Problem Übergewicht darstelle. Deshalb sei eine Fettsteuer derzeit kein geeignetes Instrument zur Verbesserung der Gesundheit.
Dr. Uwe Scheper, www.aid.de

Je fetter desto teurer – Dänemark führt Fettsteuer ein

Seit dem 1. Oktober ist in Dänemark ein neues Steuergesetz in Kraft getreten, durch das sich die Politik eine Verbesserung der Essgewohnheiten verspricht. Lebensmittel, die als primäre Quellen von gesättigten Fettsäuren gelten, werden zusätzlich mit 16 Dänischen Kronen (ca. 2,15 Euro) pro Kilo gesättigte Fettsäuren besteuert. Das gilt für alle Rohwaren, die einen Gehalt an gesättigten Fettsäuren von mehr als 2,3 Prozent aufweisen. Ausgenommen sind die Lebensmittelgruppen Fisch, Milch und Eier.

Die gesetzliche Regelung sieht vor, dass ein Lebensmittelprodukt nach dem Anteil an gesättigten Fettsäuren in den verwendeten Rohstoffen besteuert wird. Die Steuer für eine Lasagne wird demnach für das rohe Hackfleisch, das verwendete Öl und den Käse einzeln berechnet.
Die politische Absicht ist, die Dänen vor einer zu hohen Aufnahme an gesättigten Fettsäuren zu schützen und dadurch das Risiko für Übergewicht und Herzkreislauferkrankungen zu senken. Diese fiskalische Regulierung des Einkaufsverhaltens ist den Dänen nicht unbekannt. Auch Alkohol, Tabak und Zucker werden dort, wie auch in den anderen skandinavischen Ländern, hoch besteuert.

Die Lebensmittelindustrie soll durch die neue Steuer bewegt werden, den Anteil an gesättigten Fettsäuren in ihren Produkten zu verringern.
Die Unternehmen schlagen jedoch erwartungsgemäß Alarm und drohen mit Arbeitsplatzverlusten. Große Lebensmittelproduzenten befürchten, dass die Qualitätsansprüche auf Grund der Preiserhöhungen sinken werden und die Verbraucher vermehrt zu günstigeren, meist ausländischen Waren greifen. Dabei gilt die Steuer sowohl für dänische als auch importierte Waren. Um den großen bürokratischen Aufwand zu verringern, sind kleine Lebensmittelproduzenten und Importeure von der zusätzlichen Steuerpflicht ausgenommen.

Das Gesetz wurde im März dieses Jahres fast einstimmig vom Parlament verabschiedet. Demnach ist nicht zu erwarten, dass die neue Regierung unter der Sozialdemokratin Helle Thorning-Schmidt alsbald eine Änderung vornehmen wird. Es bleibt abzuwarten, ob die dänischen Verbraucher die Aufforderung annehmen, Produkte mit weniger gesättigten Fettsäuren zu präferieren. Eventuell führt nicht nur der tatsächliche Preisanstieg, sondern auch die daraus erfolgte Debatte um die Einführung der Fettsteuer zu einer gesundheitsförderlicheren Auswahl. Die Hamsterkäufe von Butter und Sahne vor dem 1. Oktober sprachen jedoch zunächst eine andere Sprache.
Nora Moltrecht, www.aid.de

Steuer auf Fett in Lebensmitteln ist sinnvoll

In Dänemark wird sie demnächst eingeführt, andere Länder diskutieren sie:
Die Fettsteuer auf Lebensmittel, die besonders fettreiche Produkte wie
Fleisch, Butter und Schokolade teurer macht. Privatdozentin Dr. Silke
Thiele, Institut für Ernährungswirtschaft und Verbrauchslehre in Kiel, hat
auf der Basis von 12 000 Haushalten berechnet, welche Effekte eine
Fettsteuer in Deutschland hätte. Die Ergebnisse stellte die
Ernährungsökonomin auf der internationalen Tagung der europäischen und
amerikanischen Agrarökonomen „The Economics of Food, Food Choice and Health“
an der Technischen Universität München vor.

Ihr Szenario: Der Lebensmittelpreis steigt um 0,5 Cent pro Gramm gesättigtem
Fett. Das hätte zur Folge, dass beispielsweise Vollmilch etwa 11 Cent pro
Liter mehr kosten würde und fettarme Milch etwa 5 Cent. Tatsächlich würde
sich das Ernährungsverhalten der Bevölkerung zum Positiven hin verändern:
Die Konsumenten würden weniger tierische Lebensmittel wie Fleisch, Milch,
Käse und Eier verzehren, dafür jedoch mehr Obst, Gemüse und
Getreideprodukte. Dies führt im Durchschnitt zu einer Senkung der
Energieaufnahme um rund 70 kcal pro Person und Tag und damit im Verlauf
eines Jahres vermutlich zu einer Gewichtsreduktion im Kilobereich.

Die Umstrukturierung des Lebensmittelverbrauchs bringt jedoch auch Nachteile
mit sich, stellte Thiele fest. Die Aufnahme bestimmter Nährstoffe, bei denen
in Deutschland ohnehin eine Unterversorgung vorliegt, würde sich weiter
reduzieren. Dazu gehören z. B. Vitamin D und Jod. Auch die Versorgung mit
Calcium – ein wichtiger Nährstoff zur Vorbeugung von Osteoporose und auch in
der Ernährung von Kindern – könnte für einige Bevölkerungsgruppen
problematisch werden. Außerdem wäre die finanzielle Belastung nicht bei
allen Haushalten gleich. Ärmere müssten höhere Einkommenseinbußen hinnehmen
als Haushalte mit hohem Einkommen.
Angesichts dieser Ergebnisse bezweifelte die Wissenschaftlerin, dass eine
Fettsteuer auf Lebensmittel das geeignete Mittel zur Reduzierung des
Übergewichts ist. „Die höheren Kosten für fetthaltige Lebensmittel müssen
auch Normalgewichtige tragen“, sagte sie. Darüber hinaus sei Fett nicht
grundsätzlich ungesund und Träger wichtiger fettlöslicher Vitamine.
Gesa Maschkowski, www.aid.de