Wie Medikamente (nicht nur) Gastronomen aus der Alkoholabhängigkeit helfen können

Ein unterschätztes Realitätsproblem. Die Küche ist ein besonderer Arbeitsplatz. Hitze, Druck, langes Stehen, der späte Feierabend mit dem „Feierabendbier“ – Alkohol spielt in der Gastronomie eine zwiespältige Rolle: Er ist Teil des Geschäfts und Teil des Alltags vieler Menschen, die darin arbeiten.

Bier, Pils

Wie Medikamente Gastronomen aus der Alkoholabhängigkeit helfen können

Das Risiko ist real. Der Koch Dale Cranswick, der sieben Jahre in der britischen Gastronomie arbeitete, beschrieb seine Erfahrung gegenüber Medien so: „Ich begann mit 17 als Koch. Es ist ein Job mit enormem Druck. Um den Stress zu bewältigen, fing ich an, stark zu rauchen und Drogen zu nehmen, nur um die Serviceschichten durchzustehen.“ Er ist kein Einzelfall. Branchenstudien zeigen immer wieder: Menschen in der Gastronomie tragen ein deutlich höheres Risiko für Substanzprobleme als viele andere Berufsgruppen.

Wichtig ist dabei eine klare Einordnung: Die Alkoholkonsumstörung ist eine chronische Erkrankung, keine Willensschwäche. Die Weltgesundheitsorganisation definiert sie als ein Abhängigkeitssyndrom, das durch biologische, psychische und soziale Faktoren entsteht. Das bedeutet: Medikamentöse Unterstützung zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche – sondern ein medizinisch sinnvoller Schritt, vergleichbar mit der Behandlung von Diabetes oder Bluthochdruck.

Was Medikamente leisten können: Vier gut belegte Optionen

Der Internist und Suchtmediziner Stephen R. Holt von der Yale School of Medicine hat in einer Übersicht in JAMA die Wirkstoffe mit der besten Evidenz zusammengestellt. Die Kernbotschaft: Diese Medikamente können die Alkoholkonsumstörung nicht „heilen“, aber sie können die Rückfallwahrscheinlichkeit deutlich senken, das Verlangen nach Alkohol (Craving) dämpfen oder dabei helfen, den Konsum erheblich zu reduzieren.

Naltrexon blockiert Opioidrezeptoren und schwächt damit einen Teil des Belohnungseffekts von Alkohol ab. Eine Metaanalyse von 19 doppelblinden, randomisierten Studien mit insgesamt 2.875 Teilnehmern zeigte, dass orales Naltrexon die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr zu schwerem Alkoholkonsum senkt. Die Number Needed to Treat lag bei etwa 11 – das heißt: Etwa 11 Menschen müssen behandelt werden, damit bei einer Person ein Rückfall in schweres Trinken verhindert wird. Naltrexon eignet sich besonders für Betroffene, die nicht zwingend vollständige Abstinenz anstreben, sondern ihren Konsum deutlich verringern wollen. Wichtige Einschränkung: Bei gleichzeitiger Einnahme von Opioiden ist Naltrexon nicht geeignet.

Acamprosat greift an den durch chronischen Alkoholkonsum veränderten GABA- und Glutamat-Systemen des Gehirns an. Anders als Naltrexon zielt es vor allem auf die Stabilisierung der Abstinenz. Eine Metaanalyse mit 20 randomisierten Doppelblindstudien und 6.380 Teilnehmern ergab ebenfalls eine Number Needed to Treat von 11, um bei einer Person die Rückkehr zu jeglichem Alkoholkonsum zu verhindern. Bei ausgeprägter Niereninsuffizienz ist Acamprosat kontraindiziert.

Disulfiram wirkt nach einem völlig anderen Prinzip: Es hemmt den Abbau des Ethanol-Metaboliten Acetaldehyd. Trinken Patienten während der Behandlung Alkohol, steigt die Acetaldehyd-Konzentration rasch an – es kommt zu Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Hautrötung und Herzklopfen. Eine Netzwerk-Metaanalyse von 156 randomisierten Studien fand, dass Disulfiram bei der Förderung der Abstinenz sogar stärker mit einem positiven Effekt assoziiert war als Acamprosat und orales Naltrexon. Entscheidend ist jedoch: Disulfiram wirkt besonders gut, wenn die Einnahme durch eine weitere Person kontrolliert wird. Genau hier liegt eine praktische Hürde – und eine Chance, etwa durch unterstützende Angehörige oder betriebliche Gesundheitsprogramme.

Topiramat wurde ursprünglich als Antikonvulsivum entwickelt und beeinflusst ähnlich wie Acamprosat die GABA- und Glutamat-Transmission. Eine Metaanalyse von 8 doppelblinden randomisierten Studien mit 1.080 Teilnehmern zeigte gegenüber Placebo sowohl eine Verringerung der Trinktage als auch der durchschnittlich konsumierten Alkoholmenge. Allerdings können neurologische Nebenwirkungen wie Missempfindungen, Geschmacksstörungen und insbesondere kognitive Beeinträchtigungen die Anwendung begrenzen. Topiramat besitzt keine Zulassung zur Behandlung der Alkoholkonsumstörung und wird off-label eingesetzt.

Europa und Deutschland: Was ist zugelassen?

Bei der Übertragung der US-amerikanischen Empfehlungen auf Europa ist die Zulassungssituation zu beachten. Naltrexon, Acamprosat und Disulfiram werden in mehreren europäischen Ländern zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit eingesetzt. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) nennt alle drei Wirkstoffe in ihrer Leitlinie zur Entwicklung von Arzneimitteln gegen Alkoholabhängigkeit als etablierte pharmakologische Therapien. Eine zentrale EU-Zulassung speziell für diese älteren Wirkstoffe liegt jedoch nicht vor.

In Deutschland stehen vor allem Acamprosat und Naltrexon zur Verfügung. Nalmefen zur Verringerung des Alkoholkonsums bei ausgewählten Erwachsenen mit Alkoholabhängigkeit besitzt hingegen eine zentrale EMA-Zulassung. Topiramat ist nicht zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit zugelassen und wird off-label eingesetzt. Disulfiram wird zwar als Wirkstoff gegen Alkoholabhängigkeit klassifiziert, spielt in der aktuellen Versorgung in Deutschland aber eine eher untergeordnete Rolle.

Der richtige Zeitpunkt: oft unterschätzt

Pharmakotherapien sollten laut Holt nicht isoliert betrachtet werden. Entscheidend ist zunächst das gemeinsam vereinbarte Therapieziel: Für manche Betroffene ist es Abstinenz, bei anderen zunächst eine substanzielle Verringerung des Konsums. Danach richtet sich auch die Wahl des Medikaments. Ist das Behandlungsziel erreicht, empfehlen die im JAMA-Beitrag zitierten Leitlinien eine Fortführung der Pharmakotherapie über weitere 6 bis 12 Monate.

Eine bislang unterschätzte Chance bieten laut Holt stationäre Therapien. Gerade nach alkoholbedingten Komplikationen können Patienten besonders motiviert für eine Veränderung sein. In einer retrospektiven Kohortenstudie mit 6.794 Menschen, die wegen alkoholbedingter Erkrankungen stationär behandelt worden waren, war der Beginn einer medikamentösen AUD-Therapie bei Entlassung mit einer um 42 % niedrigeren Rate eines kombinierten Endpunkts aus Tod, Notaufnahmebesuchen und erneuten Krankenhauseinweisungen innerhalb der folgenden 30 Tage assoziiert.

Für Gastronomen bedeutet das: Der Moment nach einer Krise – sei es ein Krankenhausaufenthalt, ein Vorfall am Arbeitsplatz oder ein persönlicher Wendepunkt – kann ein Fenster sein, in dem Unterstützung besonders wirksam ist.

Ausblick: Wird Semaglutid zum neuen Anti-Craving-Medikament?

Besonders viel Aufmerksamkeit bekommt derzeit eine Medikamentengruppe, die ursprünglich aus der Diabetologie stammt und inzwischen auch die Adipositastherapie verändert hat: GLP-1-Rezeptoragonisten.

Präklinische Untersuchungen, Beobachtungsdaten und pharmakoepidemiologische Studien hatten vermuten lassen, dass diese Wirkstoffe nicht nur die Nahrungsaufnahme, sondern möglicherweise auch das Verlangen nach Alkohol und dessen Belohnungswirkung beeinflussen. Mittlerweile liegen erste randomisierte klinische Studien vor.

Eine wichtige Interventionsstudie erschien in JAMA Psychiatry. In der kleinen randomisierten, doppelblinden Phase-2-Studie wurden 48 Erwachsene mit Alkoholkonsumstörung über 9 Wochen mit Semaglutid oder Placebo behandelt. Semaglutid verringerte gegenüber Placebo die in einem Labortest konsumierte Alkoholmenge. Im Verlauf der Studie gingen zudem einige, wenn auch nicht alle Maße des wöchentlichen Alkoholkonsums zurück. Besonders interessant: Auch das wöchentliche Verlangen nach Alkohol nahm signifikant ab.

Seit Juli 2026 liegt eine weitere randomisierte Phase-2-Studie vor. Sie ist besonders relevant, weil diesmal 50 behandlungssuchende Erwachsene mit moderater bis schwerer Alkoholkonsumstörung untersucht wurden. Die Teilnehmer erhielten über 8 Wochen orales Semaglutid oder Placebo. Beim primären Endpunkt, dem durch Alkoholreize im Labor ausgelösten Craving, zeigte sich kein signifikanter Vorteil. Auch die Zahl der Drinks pro Tag unterschied sich nicht signifikant. Bei mehreren anderen klinisch relevanten Endpunkten schnitt Semaglutid jedoch besser ab: Die Zahl schwerer Trinktage ging signifikant zurück, ebenso die Zahl der Drinks pro Trinktag und das im Alltag berichtete Verlangen nach Alkohol. Außerdem verringerten mehr Teilnehmende unter Semaglutid ihr Risikotrinkniveau laut WHO-Klassifikation.

Fazit: Was Medikamente können – und was sie versprechen

Für die Alkoholkonsumstörung stehen wirksame Medikamente zur Verfügung. Entscheidend ist, die Therapie am individuellen Ziel auszurichten und mit psychosozialer Unterstützung zu verbinden. GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid könnten das Spektrum künftig vielleicht erweitern: Erste Studien zeigen vielversprechende Effekte auf Alkoholkonsum und Craving. Für den Routineeinsatz ist die Evidenz aber noch nicht ausreichend.

Für Menschen in der Gastronomie – einer Branche, in der Alkohol oft selbstverständlich zum Arbeitsalltag gehört – kann die Botschaft sein: Es gibt Hilfe, sie ist medizinisch fundiert, und sie muss nicht mit einem sofortigen, endgültigen „Nie wieder“ beginnen. Der erste Schritt kann ein Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt sein.

Quellen – Wie Medikamente Gastronomen aus der Alkoholabhängigkeit helfen können

Holt SR. Medications for Alcohol Use Disorder. JAMA. 2026.
DOI: 10.1001/jama.2026.10575
JAMA Clinical Reviews Podcast (Interview mit Stephen Holt):
https://jamaclinicalreviews.libsyn.com/medication-treatments-for-alcohol-use-disorder


Jonas DE et al. Pharmacotherapy for Adults With Alcohol Use Disorders in Outpatient Settings: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA. 2014;311(18):1889–1900.
DOI: 10.1001/jama.2014.3628
PubMed:
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24825644/
JAMA-Website:
https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/1869208


Anton RF et al. Combined Pharmacotherapies and Behavioral Interventions for Alcohol Dependence: The COMBINE Study. JAMA. 2006;295(17):2003–2017.
DOI: 10.1001/jama.295.17.2003
PubMed:
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16670409/


Bahji A et al. Pharmacotherapies for Adults With Alcohol Use Disorders: A Systematic Review and Network Meta-analysis. J Addict Med. 2022;16(6):630–638.
DOI: 10.1097/ADM.0000000000000992
PubMed (frei zugänglicher PMC-Volltext):
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35653782/

Hendershot CS et al. Once-Weekly Semaglutide in Adults With Alcohol Use Disorder: A Randomized Clinical Trial. JAMA Psychiatry. 2025;82(4):395–405.
DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2024.4789
PubMed (frei zugänglicher PMC-Volltext):
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39937469/


European Medicines Agency (EMA). Guideline on the Development of Medicinal Products for the Treatment of Alcohol Dependence.
EMA-Webseite:
https://www.ema.europa.eu/pt/development-medicinal-products-treatment-alcohol-dependence-scientific-guideline


World Health Organization (WHO). ICD-11: Alcohol Dependence (6C40.21).
WHO ICD-11 Browser:
https://icd.who.int/browse/2025-01/mms/en#490388233

0 Antworten auf „Wie Medikamente (nicht nur) Gastronomen aus der Alkoholabhängigkeit helfen können“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.