Bernhard Steinmann im Restaurant Kitchen Library

2016 öffnete das Restaurant Kitchen Library in Berlin seine Türen. Daniela und Udo Knörlein betreiben das Restaurant mit seinen vielen Kochbüchern.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir keine Notiz von dem gemütlichen Restaurant, welches Casual Fine Dining verspricht, genommen.

Casual Fine Dining. Findet man das nicht häufig? Eine lockere Atmosphäre, ein unkomplizierter Service, einfach ein Verzicht auf steife Etikette. Wer benutzt denn heute noch Tischdecken? Selbst in der Spitzengastronomie ist man bereit auf den Kostenfaktor zu verzichten. Reines Leinen, gewebter Baumwoll-Damast oder ein modernes Tischgewebe, natürlich mit Fleckenschutzausrüstung, damit die Sauce oder der Rotwein keine bleibende Spuren hinterlassen, wird immer seltener genutzt. 

Also ist das Zauberwort Lässigkeit. Auch bei den Gästen in der gehobenen Gastronomie, bei denen Smart Casual vorherrscht.

Zu Casual Fine Dining gehört vor allem Fine Dining. Ästhetische Tellerarrangements, gutes Handwerk und ein nennenswertes Geschmacks-Gesamterlebnis. Das alles führt uns nun zu unserer Wahl des Restaurants.

Wir kennen zwar viele Restaurants in Berlin, doch wollten wir nicht so recht Altbekanntes wiederholen. Eine Internetrecherche führte uns schließlich in die Bleibtreustraße, keine Unbekannte in der Westberliner City. 

Der Empfang war freundlich, wie nicht anders zu erwarten. Schnell waren unsere Plätze eingenommen. Mehr zur Menüwahl gibt es gleich bei der Beschreibung des Signature Dishes.

Sauerteigbrot „Gustav“

Die Küche schickte als Amuse-Gueule u.a. eine knusprige Wagyu-Praline auf Hagebuttendip ins Rennen. Die unerwartet, da wir bezüglich der tatsächlichen Qualität der Küche noch keine Vorstellungen hatten, hervorragende Kleinigkeit schärfte unsere Sinne für das folgende Menü.

UNSER SIGNATURE DISH-

KOJI | KAROTTE | AMAZAKE | KRESSE

Bei der Auswahl des Menüs hatten wir diesen Gang abgewählt. Beim Blick auf die Speisekarte muss man aus den spärlichen Angaben ja immer eine Vorstellung für Aussehen und Geschmack entwickeln. Wir tun dies zumindest. Also haben wir den Gang als belanglos abgetan. Der freundliche Herr vom Service klärte uns über den Signature Dish auf und nach kurzer Beratung nahmen wir ihn in unsere Speisefolge auf. Es sollte sich als überaus kluge Wahl herausstellen.

Mit Fleiß und Kreativität wurde die Karotte gedämpft, getrocknet, eingepudert, mit Pulver vom Koji-Pilz bestreut. Wie angekündigt schmeckte man ein deutliches Schinkenaroma. Ja wie geht das denn?

TOMATE | VERJUS | KAMILLE | HOLUNDER

Die Tomate wurde roh in Kamillenöl mariniert, dazu gab es getrocknete Tomaten, Holunderbeeren und eine Verjushaube.

Das cremige Gericht schmeckte wunderbar intensiv nach Tomate. Ein tadelloses Handwerk.

PILZE | BRIOCHE | TETE DE MOINE

BLUMENKOHL | PAPRIKA | GETREIDE 

Grüner und roter Paprika wurden sehr gut verarbeitet. Dazu gab es gepufftes Getreide. Auch wenn Blumenkohl kein Trendgemüse ist, hat er doch seine Liebhaber. Mir jedenfalls hat besonders gut gefallen, dass der Blumenkohl geschmacklich nicht dominierte.

Vor dem Hauptgang wurde Beef-Tee mit einem Käsecracker serviert.

ONGLET | SALAT | CHIMICHURRI | KNOCHENMARK

Wir sehen neben dem Onglet einen gebratenen Romanasalat sowie Chimichurri-Creme. Dazu wurde ein Küchlein auf Basis von Knochenmark (o.Abb.) gereicht.

Eine gelungene Kreation.

GIECHER BIENENWACHS | APRIKOSE |

PINIENKERNE | SCHOKOLADE

Ein gutes Dessert rundete das Menü ab.

NASCHWERK

Wein und Service

Der Gewinner unserer Getränkewahl war ein Chardonnay von Lauermann und Weyer aus der Pfalz.

Der Service, bestehend aus einem Servicemitarbeiter, war freundlich und professionell.

Küchenchef Udo Knörlein muss man zum Service hinzurechnen, serviert und annonciert er die Speisen höchstselbst. Ob er am Ende auch noch alleine in der Küche aufräumen muss ist mir nicht bekannt.

FAZIT

Knörleins Gerichte zeigen sehr gutes Handwerk und eine Experimentierfreude, die so manchen Einsternerestaurants zur Ehre gereichen würden. Die Gerichte insgesamt sind aromatisch gut ausgewogen, ja harmonisch, ohne störende Überwürzungen oder Übertreibungen.

Der Weg nach Charlottenburg hat sich jedenfalls gelohnt.

Fotos: Bernhard Steinmann

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